OssiSchnauzen Blog
18. September 2026
„Also heute …“ hätte ich lieber das Einhorn gefüttert.
Es gibt einen Satzanfang, bei dem wir Trainer manchmal schon ziemlich genau wissen, was gleich kommt:
„Also heute …“
… ist mein Hund irgendwie nicht gut drauf.
… hat er zu wenig geschlafen.
… ist er total unkonzentriert.
… ist die Nachbarshündin läufig.
… hat der Postbote zweimal geklingelt.
… war sowieso schon alles ein bisschen viel.
Und manchmal kommt direkt hinterher:
„Eigentlich hätten wir heute gar nicht kommen brauchen.“
Wir verstehen total, woher dieser Gedanke kommt. Wenn etwas letzte Woche noch richtig gut funktioniert hat und der Hund heute gefühlt vergessen hat, dass er jemals einen Menschen gesehen hat, sucht man automatisch nach einer Erklärung.
Und natürlich gibt es Situationen, in denen die Umstände wirklich eine Rolle spielen.
Wenn ein Hund krank ist, Bauchschmerzen oder Durchfall hat, völlig übermüdet ist oder die Temperaturen einfach kein vernünftiges Training zulassen, dann macht es keinen Sinn, auf Teufel komm raus weiterzumachen. Auch ein sehr reizempfänglicher Hund kann nach einem Tag voller Handwerker, Besuch oder anderer Aufregung irgendwann schlicht am Limit sein.
Aber viel häufiger passiert etwas anderes.
Wir Menschen möchten gern verstehen, warum etwas heute schlechter läuft. Also suchen wir nach Gründen.
Dabei ist für das Training oft gar nicht entscheidend, warum euer Hund gerade nicht so funktioniert wie letzte Woche.
Entscheidend ist:
Wo steht ihr beide genau jetzt?
Denn genau dort beginnt gutes Training.
Vielleicht ist euer Hund heute schneller abgelenkt. Vielleicht seid ihr selbst mit dem Kopf noch bei der Arbeit. Vielleicht ist eure Kommunikation heute ein bisschen unklarer als sonst. Vielleicht ist draußen einfach mehr los.
Das ist alles nicht schlimm.
Und vor allem bedeutet es nicht, dass euer Training plötzlich nichts mehr wert ist oder ihr einen riesigen Rückschritt gemacht habt.
Ein guter Trainer schaut nicht nur darauf, ob die geplante Aufgabe heute funktioniert. Er schaut darauf, was Hund und Mensch in diesem Moment brauchen, damit Lernen überhaupt möglich wird.
Vielleicht war für die Stunde eigentlich Sitz oder Platz geplant.
Euer Hund ist aber so aufgeregt, dass er euch kaum wahrnimmt.
Dann wäre es ziemlich unsinnig, krampfhaft an Sitz und Platz festzuhalten.
Also verändern wir das Ziel.
Dann arbeiten wir vielleicht erst einmal daran, dass euer Hund wieder ansprechbar wird. Dass er sich an euch orientieren kann. Dass ihr gemeinsam runterfahrt. Und vielleicht entsteht daraus am Ende sogar noch ein kleines Sitz.
Vielleicht aber auch nicht.
Und trotzdem kann es eine richtig gute Trainingsstunde gewesen sein.
Denn Training bedeutet nicht, dass jede Stunde exakt nach Plan laufen muss.
Gerade in einer Welt, in der ständig alles messbar, besser und erfolgreicher werden soll, vergessen wir manchmal, dass Entwicklung nicht geradlinig verläuft.
Manchmal geht es drei Schritte nach vorne.
Manchmal einen zurück.
Und manchmal geht man plötzlich einen ganz anderen Weg und stellt hinterher fest, dass genau dieser Weg heute der richtige war.
Wir erleben das im Training ständig.
Ein Hund traut sich vielleicht nicht, auf einer knisternden Unterlage zu sitzen. Für seinen Menschen sieht das schnell nach „nicht geschafft“ aus.
Wir sehen aber vielleicht etwas ganz anderes.
Wir sehen, dass der Hund sich überhaupt auf die Unterlage gewagt hat.
Dass er gemeinsam mit seinem Menschen darübergelaufen ist.
Dass er Vertrauen gezeigt hat.
Dass er geblieben ist, obwohl wenige Meter entfernt ein anderer Hund gebellt hat.
Und manchmal müssen wir euch genau darauf aufmerksam machen.
Schau mal hin. Da war gerade richtig viel Gutes dabei.
Denn unser Ziel ist nicht nur, dass euer Hund irgendwann Sitz, Platz, Rückruf oder Leinenführigkeit beherrscht.
Wir möchten, dass ihr euren Hund besser lesen könnt.
Dass ihr merkt, wann er Unterstützung braucht.
Dass ihr erkennt, wann ihr einen Schritt zurückgehen solltet.
Und dass ihr lernt, Erfolge auch dann zu sehen, wenn sie gerade anders aussehen als geplant.
Deshalb ist der Satz „Heute funktioniert irgendwie gar nichts“ für uns viel weniger dramatisch, als er sich für euch manchmal anfühlt.
Wir müssen nicht unbedingt wissen, warum heute etwas schlechter läuft.
Wir müssen wissen, was wir heute daraus machen können.
Und erstaunlich oft wird aus einem
„Eigentlich hätten wir heute zu Hause bleiben können“
am Ende eine richtig gute Trainingsstunde.
Vielleicht gerade deshalb.
Weil die Erwartungen plötzlich ein bisschen kleiner waren.
Und dadurch endlich Platz dafür war, zu sehen, was euer Hund heute tatsächlich geschafft hat.
Denn am Ende trainieren wir nicht nur ERziehung.
Wir trainieren auch BEziehung.
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