Wir kastrieren das Problem einfach weg

18. August 2026

Wir kastrieren uns das Problem einfach weg

Der Hund pöbelt andere Hunde an, kläfft am Zaun, besteigt ständig sein Kissen oder ist allgemein viel zu aufgeregt. Und ziemlich schnell fällt irgendwann der Satz: „Vielleicht sollten wir ihn einfach kastrieren. Dann wird er bestimmt ruhiger.“

Ich kann sogar verstehen, warum dieser Gedanke verlockend ist. Wenn das Zusammenleben gerade anstrengend ist und einem dann noch der Tierarzt, das Internet oder irgendein anderer Hundemensch erzählt, dass eine Kastration das Problem lösen könnte, klingt das natürlich erst einmal ziemlich einfach.

Nur ist ein Hund keine Maschine, bei der man ein störendes Teil ausbaut und danach läuft alles wieder so, wie man es gerne hätte.

Eine Kastration ist keine Verhaltenstherapie.

Natürlich gibt es Verhalten, das stark hormonell beeinflusst sein kann. Ein Rüde, der wegen läufiger Hündinnen permanent unter Strom steht, nicht mehr frisst, ständig markiert, ausbüxt oder kaum noch zur Ruhe kommt, ist etwas anderes als ein Hund, der am Gartenzaun bellt oder bei Hundebegegnungen pöbelt.

Und genau dieser Unterschied wird mir viel zu oft nicht gemacht.

Ein Hund kann andere Hunde anpöbeln, weil er unsicher ist, schlechte Erfahrungen gemacht hat, frustriert ist oder schlicht nie gelernt hat, wie er solche Situationen bewältigen soll. Aufreiten kann sexuell motiviert sein, muss es aber nicht. Es kann genauso bei Stress und hoher Erregung auftreten.

Wenn ich nicht weiß, warum mein Hund etwas tut, kann ich auch nicht wissen, ob eine Kastration daran überhaupt irgendetwas verändern wird.

Ich habe drei Rüden und nur einer ist kastriert

Bei mir leben drei Rüden und genau einer davon ist kastriert, Snickers.

Bei ihm begann es ungefähr mit zweieinhalb Jahren. Er markierte plötzlich in die Wohnung, knurrte Menschen an, teilweise auch uns, wurde wirklich unangenehm im Umgang und wollte permanent unsere Hündin besteigen. Dieser Hund stand massiv unter Stress.

Aber auch da habe ich nicht gesagt: Gut, dann kommen die Hoden eben weg.

Bevor überhaupt ein Hormonchip ins Spiel kam, habe ich unseren kompletten Alltag auseinandergenommen.

Ich habe geschaut, was sich verändert hat, woher das Verhalten kommen könnte, habe Training verändert, unsere Strukturen überprüft, an unserer Beziehung gearbeitet und versucht herauszufinden, ob wir dieses Problem anders lösen können. Nicht ein bisschen hier und da, sondern ernsthaft. Es hat nicht gereicht.

Erst dann haben wir uns für einen Hormonchip entschieden, um herauszufinden, welchen Anteil die Hormone tatsächlich an seinem Verhalten haben. Und der Unterschied war deutlich. Das Markieren wurde besser, der permanente Stress ging zurück und auch das Zusammenleben mit unserer Hündin wurde entspannter. Daraufhin habe ich mich für die Kastration entschieden.

Und diese Entscheidung würde ich bei Snickers wieder treffen.

Trotzdem kamen Veränderungen dazu, die ich so nicht erwartet hatte. Snickers ist heute wesentlich gemütlicher, um nicht zu sagen stinkend faul. Er hat deutlich zugenommen und ich beschäftige mich inzwischen eher damit, wie ich diesen Terrier bitte zu etwas mehr Bewegung motiviere.

Außerdem reagiert er auf manche unerwarteten Situationen empfindlicher. Wenn plötzlich irgendwo etwas auftaucht oder etwas überraschend um die Ecke kommt, ist er schneller alarmiert und verbellt Dinge, die ihn früher überhaupt nicht interessiert hätten.

Das hatte ich selbst unter dem Chip so nicht gesehen.

Ist das schlimmer als sein Zustand vorher? Nein. Überhaupt nicht. Ich würde mich bei ihm wieder genauso entscheiden.

Aber es zeigt eben etwas Wichtiges: Eine Kastration ist kein Wunschzettel.

Ich kann nicht sagen, das Markieren bitte weg, das sexuelle Verhalten auch, aber Aktivität, Selbstsicherheit und alles andere bitte exakt so lassen wie vorher.

So funktioniert ein Lebewesen nicht.

Und dann sitzen genau diese Hunde bei uns im Training

Wir haben sehr viele Hunde bei uns, die andere Hunde anpöbeln, Menschen anbellen, extrem unsicher sind oder in bestimmten Situationen völlig eskalieren.

Und eine Frage, die ich bei der Vorgeschichte natürlich stelle, ist: Ist der Hund kastriert und wenn ja, wann?

Und erstaunlich oft lautet die Antwort:

Mit neun Monaten.

Mit einem Jahr.

Mit anderthalb Jahren.

Also genau in einer Lebensphase, in der der Hund mitten in seiner Entwicklung steckt. Das betrifft in unserer Praxis tatsächlich wesentlich häufiger Rüden, auch wenn natürlich grundsätzlich dasselbe Thema für Hündinnen gilt. Und gerade bei jungen Rüden habe ich manchmal das Gefühl, dass Pubertät plötzlich als Krankheit behandelt wird.

Der Hund wird aufmüpfiger, andere Rüden werden interessanter oder plötzlich auch doof, die Konzentration ist gefühlt irgendwo im Nirgendwo und Dinge, die vor drei Monaten wunderbar funktioniert haben, scheinen auf einmal gelöscht worden zu sein.

Willkommen in der Pubertät.

Das ist anstrengend. Keine Frage. Aber anstrengend bedeutet nicht automatisch krank.

Ein Hund mit neun Monaten, zwölf Monaten oder auch anderthalb Jahren ist je nach Rasse und individueller Entwicklung noch lange nicht vollständig erwachsen. Verhalten, Persönlichkeit und soziale Strategien entwickeln sich weiter. Auch körperlich ist bei vielen Hunden noch längst nicht alles abgeschlossen. Die Adoleszenz kann sich ungefähr bis ins zweite Lebensjahr ziehen, wobei Rasse, Größe und Individuum eine große Rolle spielen.

Deshalb wünsche ich mir, dass wir Hunde erst einmal erwachsen werden lassen.

Ich persönlich möchte einen Hund, bei dem es keinen medizinischen Grund für eine frühere Kastration gibt, nicht mit neun oder zwölf Monaten kastrieren, nur weil er gerade schwierig ist.

Lasst ihn sich entwickeln. Lasst ihn Erfahrungen machen. Trainiert mit ihm. Gebt ihm Orientierung und vernünftige Grenzen. Und gebt seinem Körper und seinem Kopf Zeit, erwachsen zu werden.

Für mich bedeutet das bei einer rein verhaltensbedingten Überlegung in aller Regel: Bitte nicht schon mitten in der Pubertät kastrieren. Wenn es die Situation erlaubt, möchte ich einen Hund lieber ungefähr zwei Jahre alt werden lassen und dann noch einmal neu beurteilen.

Das ist keine magische Grenze, nach der plötzlich über Nacht ein fertiger Hund dasteht. Aber es verhindert zumindest dieses reflexartige: Der Einjährige ist gerade anstrengend, also nehmen wir ihm die Hormone.

Denn wenn der Hund vor der Kastration keine vernünftige Strategie für Hundebegegnungen hatte, hat er sie danach auch nicht plötzlich gelernt.

Das gilt übrigens nicht nur für Rüden

Auch bei Hündinnen sollte eine Kastration nicht einfach als praktische Standardlösung betrachtet werden.

Natürlich sind die medizinischen Fragestellungen teilweise andere und bei Hündinnen gibt es zusätzliche gesundheitliche Aspekte, die individuell mit dem Tierarzt besprochen werden müssen.

Aber auch hier gilt: Nicht einfach kastrieren, weil Verhalten gerade unbequem geworden ist.

Gerade deshalb finde ich die neuere Entwicklung in der Tiermedizin gut, Entscheidungen stärker nach Rasse, Alter, Geschlecht, körperlicher Entwicklung und individuellem Risiko zu treffen, statt pauschal ein bestimmtes Alter für alle Hunde festzulegen.

So sollte Zusammenarbeit aussehen

Und an der Stelle möchte ich auch etwas sagen, was mir wirklich wichtig ist, weil dieser Beitrag ausdrücklich kein Tierarzt Bashing sein soll.

Ich habe zwei Tierärztinnen, auf die ich mich zu hundert Prozent verlassen kann. Kristina Iffland in Kletzen und Dr. Andrea Krannich in Roitzsch.

Bei beiden funktioniert die Zusammenarbeit genauso, wie ich sie mir wünsche. Da wird nicht einfach gesagt: Der Hund macht Probleme, setzen wir einen Chip.

Teilweise wird ein Hormonchip überhaupt erst dann gesetzt, wenn ich den Hund vorher gesehen, sein Verhalten eingeschätzt und gesagt habe: „Jap, bei diesem Hund sollten wir das tatsächlich einmal ausprobieren.“

Und bei diesen beiden grandiosen Tierärztinnen weiß ich, dass ich mich darauf verlassen kann, dass nicht leichtfertig in den Hormonhaushalt eines Hundes eingegriffen wird.

Genau so stelle ich mir gute Zusammenarbeit vor.

Ich beurteile das Verhalten. Die Tierärztin beurteilt die medizinische Seite. Und am Ende schaut man gemeinsam, was für diesen einen Hund sinnvoll ist. Ich würde schließlich auch niemals versuchen, einen Hodentumor zu diagnostizieren, nur weil ich seit vielen Jahren Hundetrainerin bin.

Und genauso wünsche ich mir andersherum, dass ein Hund, der andere Hunde anpöbelt, nicht automatisch mit der Diagnose „zu viel Testosteron“ nach Hause geht.

Bevor du kastrierst, stell dir eine andere Frage

Nicht: „Wird mein Hund danach ruhiger?“

Sondern: „Warum macht mein Hund das eigentlich?“

Lasst medizinische Ursachen abklären, lasst das Verhalten vernünftig beurteilen und schaut erst dann, welche Möglichkeiten sinnvoll sind.

Wenn am Ende herauskommt, dass ein Hund hormonell massiv unter Stress steht und eine Kastration seine Lebensqualität verbessern könnte, dann kann sie genau die richtige Entscheidung sein.

Bei Snickers war sie das.

Aber bitte nicht, weil der Hund pubertiert. Nicht, weil er gerade andere Rüden doof findet. Nicht, weil er am Zaun kläfft. Nicht, weil er Menschen anbellt.

Und nicht, weil irgendjemand sagt: „Danach wird der bestimmt ruhiger.“

Vielleicht wird er das. Vielleicht bleibt das ursprüngliche Problem trotzdem bestehen. Vielleicht entsteht an anderer Stelle eine neue Baustelle.

Und vielleicht hat das Verhalten, wegen dem ihr überhaupt über eine Kastration nachdenkt, mit den Sexualhormonen viel weniger zu tun, als ihr gerade glaubt.

Deshalb sollten wir Probleme nicht einfach wegkastrieren wollen. Wir sollten erst einmal verstehen, warum sie überhaupt da sind.

Und manchmal ist die beste Entscheidung tatsächlich eine Kastration. Aber manchmal ist die beste Entscheidung auch einfach: Lass den Hund erst einmal erwachsen werden.

 

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